Kurzgeschichte: Trostloses ’93

This is the German version of my short story, Bleak ’93. Translation by Linda Vogel.

Callum Fishers Leben mit seinen Eltern bedeutete Überleben, von einem trostlosen Jahr zum nächsten, und das muss sich ändern. Ein bestimmter Tag im Jahr 1993 scheint wie jeder Tag in Callums elendem Leben, aber bald wird er feststellen, dass die größten Veränderungen nur einen Moment der Mut brauchen.

Trostloses ‘93

Während er auf seinem Bett lag und den gedämpften Geräuschen von unten lauschte, schwor sich Callum Fisher, niemals so wie seine Eltern zu werden.

So wie jeden Tag schallte das Schreien und Poltern in jeder Ecke jeden Raumes wider. Sein Zimmer stellte keine Ausnahme dar. “Lern von den Erwachsenen” sagten die Lehrer. Das sollte wohl ein Witz sein!

Es kam oft vor, dass er ähnliche Szenen hinter fremden geschlossenen Türen verfolgen konnte, wenn er auf seinem Schulweg war, aber nur, weil es üblich war, heißt es nicht, dass es richtig war.

Ein dunkles Rumoren dröhnte durch die Wohnzimmerdecke in sein Zimmer, wie Steine, die in einer riesigen Hand zermürbt werden. Als Antwort kam ein helles Gekreische.

In Callums Vorstellung sah er einen Tenor und einen Sopran, in einem Duett im Scheinwerferlicht. Ein dicker Mann im Anzug mit fettigem Haar und unrasiertem Gesicht und eine hagere Frau im eleganten Abendkleid mit stumpfem Haar, ihr verkniffenes Gesicht zuckend als sie die hohen Töne erreichte.

Ein ungleiches Paar, welches seine theatralischen Szenen einem einzelnen Zuschauer darboten. Es hätte fast komisch sein können, wäre es nicht seine eigene Familie gewesen.

Er starrte in die Ecke der gelben Zimmerdecke zu dem Spinnennetz und seinem einzigen Bewohner. „Warum hier?“ fragte er die Spinne. „Du könntest überall hin wo du willst. Ich wäre nicht hier, wenn ich nicht müsste!“

Die Spinne antwortete nicht.

Jetzt, als er darauf achtete, war Callum sich sicher, dass sich die Spinne in der letzten Woche keinen Zentimeter bewegt hatte. Vielleicht war sie tot. Tot und vertrocknet, wie die unberührten Wespenhüllen auf seiner Fensterbank.

Das Geschrei erreichte sein nächstes Crescendo und er seufzte.

Es war schwer sich an eine Zeit zu erinnern, in der das Leben nicht so miserabel war. Es könnte den Lärm übertönen, in dem er eine Kassette in seinen Recorder steckte. Aber die Musik hätte laut sein müssen, und das wäre sie nicht lange gewesen.

Schon bald hätte er den Hintern versohlt oder eine schallende Ohrfeige bekommen.

Er wünschte er hätte einen Walkman. Erst ein paar Jahre zuvor hatte er den alten Küchenrekorder bekommen, weil sein Vater ihn endlich durch eine der Kompaktanlagen ersetzt hatte, welche schon so lange auf dem Markt waren, dass die Kinder in der Schule schon nicht mehr damit angaben eine zu besitzen.

Nicht das Callum überhaupt damit hätte angeben können, ein altes Kassettenradio, eine Sammlung von “NOW!” Kassetten, einige Rock-Alben und ein Best of 70s zu seinem achten Geburtstag bekommen zu haben.

Vielleicht bekommt er einen Walkman zu seinem elften Geburtstag. Aber darauf würde er nichts verwetten.

Tote Spinnen, tote Wespen, schlechte Musik und streitende Eltern. Welch grandioses Leben…

Es gab Zeiten, da fühlte es sich an, als sei diese ganze erbärmliche Situation Callums Schuld. Auch wenn er sich so oft wie möglich außer Sichtweite hielt. Er konnte nicht schuld sein. Er musste sich das nur jeden Tag erneut sagen. Schuld war dieser nichtsnutzige Säufer von einem Vater.

Seine Augenwinkel wurden feucht, aber er wischte es mit seinem Fingerknöchel weg.

Es waren keine richtigen Tränen, nicht mehr.

Heulen machte alles nur schlimmer. Das war eine Lektion, die er mittlerweile gelernt hatte.

Sogar ein Kind konnte sehen, dass Streiten Blödsinn ist. Wie lange wollen sie so weiter machen? Er hatte genug.

Heute wird dem eine Ende gemacht, entschied er. Irgendwie.

Callum drehte sich auf die Seite und rollte sich zusammen, kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Nach einer Weile wurden die dröhnenden Geräusche undeutlicher und er glitt in einen schläfrigen Tagtraum.

Er wanderte durch die saftige Wiese, Bienen summten und riesige Schmetterlinge flatterten in der Brise, während sie über einen Regenbogen aus bunten Blumen und hohem Gras schwebten. Vögel zwitscherten und trällerten von ihrem Aussichtspunkt hoch in den Baumkronen von schlanken, cremefarbenen Bäumen mit großen roten Blättern.

Blumen mit getupften, trichterförmigen Blüten oder goldenen handgroßen Köpfen streckten sich fast so hoch wie die Bäume. Ein klarer Bach gluckerte an Callum vorbei, sich sachte durch die Wiesen schlängelnd. Tausende kleine Fische tummeln sich mit dem Strom, weg von dem sprudelnden Teich in der Ferne, in den sich ein tosender Wasserfall ergießt.

Ein kleiner Kolibri mit schimmernden Federn flog auf ihn zu. Er rutschte immer wieder aus Callums Sichtfeld, wie Wasser, dass von Öl abperlt. Als er vor seinem Gesicht schwebte hielt er seine Hand hin und der Kolibri landete auf seiner Fingerspitze. Der Kolibri schaute ihn mit seinen schimmernden Knopfaugen an und öffnete den Schnabel…

Die Schlafzimmertür ging quietschend auf und schlug gegen die Ecke vom Bücherregal. Callum schreckte auf und saß kerzengerade auf seinem Bett, während er auf die Person in der offenen Tür starrte. Seine Mutter hielt die Türklinke so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten, die andere Hand zupfte mit dem Saum ihrer Pullover. Sie starrte angestrengt in den Raum. Ihr Gesicht zuckte und ihre Brust hob sich schwer auf und ab. Er hasste es sie so zu sehen.

„Das Essen ist gleich fertig, Callum,“ sagte sie. „Komm runter.“ Ihre Augen sprangen im Raum herum und verrieten ihre Unruhe. Letztendlich kamen sie auf ihm zur Ruhe. „Hast du gehört?“

„Ja, Mama.“

„Ich sagte: hast du mich verdammt noch mal gehört?“

„Ja, ich habe dich gehört.“

„Runter dann!“ Sie machte eine Pause und seufzte. „Na, los! Ab mit dir!“ Dann kamen die Tränen, aber sie übertönte das Schluchzen indem sie ihre Hände vor den Mund schlug. Ein wortloses Knurren kam aus dem Erdgeschoss. Callums Vater konnte nicht widerstehen, seinen Senf dazu zu geben.

Callum schwang seine Beine über den Bettrand und stand in der Mitte des Raumes. Er wartete darauf, dass seine Mutter aus dem Weg ging, damit er ihrer Anweisung folgen konnte. aber sie schaute ihn an und ihr Ärger verflog als sie sichtbar auftaute. „Oh, ich…“ sie räusperte sich. „Es tut mir leid, Cal. Es ist nicht deine Schuld.“

Nein, dachte er, ist es nichtAber Scheiße rollt immer den Hügel runter, richtig?

„Komm her, Sohn.“ Folgsam ließ er sich in den Arm nehmen und sie zog seinen Kopf an ihre Brust. Sie flüsterte Entschuldigungen in sein Haar. Er erwiderte die Umarmung nicht; er wollte aber er stand einfach da und ließ seine Arme zur Seite herunterhängen bis sie ihn los ließ. Mit leiser, müder Stimme sagte sie, „Ab mit dir!“

Und so ging er runter, während ein Gedanke in seinem Kopf keine Ruhe gab.

Genug ist genug.

Der Esstisch im hinteren Bereich des Fisherhauses war Platzverschwendung. Da war kein Platz für Mahlzeiten im Kreise der glücklichen Familie, statt dessen war er vollgepackt mit alten Zeitungen, Magazinen, leeren Bierdosen und vollen Aschenbechern sowie einer Sammlung von sonstigem Krempel. Aber es gab hier ja sowieso keine glückliche Familie, die dort essen könnte.

Callum setzte sich mit einem Teller voller Essen auf dem Schoß, auf eines der Zweisitzersofas.

Sein Vater lag auf dem anderen Sofa, an einen unordentlich gefalteten Haufen frischer Wäsche gelehnt, der auf der Armlehne thronte.

Der Mann trug dreckige Jeans und eine ehemals schwarze, jetzt dunkelgraue Weste. Callum sah wie er mit seinem Messer in ein Stück Fleisch sägte, es mit seiner Gabel aufspießte und es in seinen Mund schaufelte. Der penetrante Biergeruch aus einer Dose, die zu seines Vaters Füßen stand, vermischte sich mit dem Geruch des Essens.

Vor einer Weile hatte Callums Vater ein Video ausgeliehen, dass Callum mit seinen Eltern anschauen durfte. Es ging darin um einen Mann, der ein und den selben Tag immer und immer wieder von vorn erlebte. Callums Mutter saß still da, ihre Miene traurig, als der Mann im Film verstand, dass er aufhören musste, ein Arschloch zu sein und etwas gutes mit seinem Leben anfangen sollte. Dieser Teil ging völlig an Callums Vater vorbei. Alastair Fisher hatte viel gelacht und sein viertes oder fünftes Bier gesoffen, als der Abspann lief. Callum war froh gewesen, dass es ein Happy End gab. Er war sich nicht sicher ob sowas im echten Leben existiert, dass jeder Tag wie die gleiche, eingeübte, vorhersehbare Szene schien.

Sein Vater schaute zu ihm rüber und sprach mit vollem Mund. „Was starrst du an, Junge? Iss dein Abendbrot.“

Seine Mutter kam mit einem Teller für sich selbst aus der Küche. „Reg deinen Vater nicht auf, Cal.“ Sie quetschte sich neben Callum auf die Armlehne vom Sofa, abseits von ihrem Mann mit der gestapelten Wäsche.

Callum aß ohne Begeisterung und brachte seinen leeren Teller in die Küche als er fertig war.

Als er zurück ins Wohnzimmer kam, wurde er von dem ausgestreckten Arm seines Vaters aufgehalten. „Hier,“ sagte sein Vater und hielt ihm seinen dreckigen Teller zum Mitnehmen hin. Seine andere Hand griff bereits wieder zur Bierdose.

Ärger stieg in Callum auf. Er schaute von der Dose zum Teller und dann auf die hängenden, und doch harten Züge seines Vaters. „Warum machst du das nicht selber?“ Sein Herz hämmerte laut in seiner Brust und ihm wurde leicht schwindelig. Aber er hielt dem ungläubigen Blick seines Vaters stand. Er konnte fühlen, wie seine Mutter ihn von ihrem Platz auf der Armlehne des Sofas beobachtete.

Ein Sturm kam auf. Ein gewaltiger Sturm namens Alastair Fisher, der durch einen einfachen Vorschlag ausgelöst wurde. „Was hast du gesagt?“ Er erhob sich von seinem Platz und schaute mit gefährlichen Augen auf Callum hinab.

Callums Gesicht war heiß, das Klopfen in seiner Brust wuchs an, aber er bewahrte die Fassung. „Mach es selber,“ wiederholte er. „Wenigstens einmal!“

Seine Stimme schien schwach und fein, aber die Worte gewannen an Kraft. Wo hatte er das schon einmal gehört? Egal. Er bekam Panik.

Ein amüsiertes Lächeln kroch über die Lippen seines Vaters und er grunzte, schaute zu Callums Mutter und sagte, „Hast du das gehört, Laura? Hast du gehört, was dein kleiner beschissener Sonnenschein zu mir gesagt hat? In meinem eigenen beschissenem Haus?“

Ihr Besteck schwebte über einem kleinen Haufen von kaum angerührten Essen. Sie schaute ihrem Mann an; Angst ließ jeden Muskel in ihrem Gesicht erzittern. Sie öffnete ihren Mund. Callums Aufmerksamkeit sprang blitzschnell von einem zum anderen, während sein Herz weiter wild in seiner Brust schlug.

Budum! Budum! Budum!

Seine Mutter murmelte etwas, und Alastair Fisher kam mit seiner überragenden Größe einen Schritt auf sie zu. „Was war das, Frau? Was gluckst du vor dich hin?“

„Ich sagte: er ist unser Sohn. Unser! Und das hier ist nicht nur dein Haus. Oder hast du das vergessen?“

Callum konnte fast nicht glauben, was er gehört hatte.

„Alles klar.“ Die Aufmerksamkeit des Mannes kehrte zu Callum zurück. „Du willst das ich das selber mache, oder Junge?“ Er ergriff den Teller fest mit seiner Hand „Hmm? Das ist es was du willst?“ Und warf ihn. Der Teller sauste wie ein Frisbee durch die Luft in die Küche und schlug in einen Haufen Geschirr ein. „Bist du jetzt zufrieden? Ich sage dir, was du jetzt machen kannst! Du kannst das jetzt aufräumen, du kleiner Haufen Scheiße! Los, mach schon!“ Die Provokation in seiner Stimme war die gleiche die er benutzte, bevor er seine Mutter schlug.

Callum sagte nichts. Er erwiderte nur den starren Blick seines Vaters. Alastair Fishers Gesicht schien anzuschwellen bis nichts anderes mehr in dem Raum war. Er machte einen Schritt auf Callum zu und hob seine Hand. Callum machte einen Schritt zurück und sein Kopf berührte die Wand. Sackgasse.

„Du kleiner dreckiger Scheißer,“ sagte sein Vater. Im nächsten Augenblick lag Callum auf dem Boden und fragte sich, wie er dort hingekommen war. Seine Ohren brummten und ein brennender Schmerz zog über sein Gesicht. Seine Augen füllten sich und die Tränen fielen leise. Es starrte seinen Vater an, als der Mann über ihm schwankte.

„Du Schwein!“ schrie seine Mutter und sprang von ihrem Platz auf. Teller und Essen rutschten dabei von ihrem Schoß auf den Boden, das Besteck schlitterte über das Laminat zu Callum. Sie schlug auf ihren Mann ein, auf seinen Rücken und seine Schultern, sie schlug und trommelte mit der Unterseite ihrer Faust, schrie, es sei sein Sohn und wie er nur sein eigen Fleisch und Blut so schlagen konnte? Alastair Fisher drehte sich um, griff ihre Faust und schob sie beiseite. Ihr Bein blieb an der der Armlehne des Sofas hängen und sie fiel. Ihr Kopf schlug auf dem Boden auf. Sie lag bewegungslos, mit offenen Augen und ein leises Stöhnen kam über ihre Lippen.

Callum beobachtete alles durch einen roten Schleier aus Tränen und Wut. Dann stand er vor der knienden Figur seines Vaters. Der hölzerne Griff eines Steakmessers ragte aus der Seite des Mannes heraus. Alastair Fishers Hand ruderte unnütz um den Griff herum. Seine andere Hand hielt immer noch die Bierdose. Die Zeit schien zu schleichen und die Dose fiel aus den losen Fingern. Sie landete senkrecht auf dem Boden, schaukelte von rechts nach links, wie ein Pendel.

Tick. Tick.

Ein Schwall der Flüssigkeit schwappte hoch und flog in einem Bogen durch die Luft. Dann stürzte die Dose zur Seite und eine Bierlache ergoss sich auf den Boden. Blasen stiegen auf, jede einzelne spiegelte eine Miniaturausgabe des hellen Wohnzimmerfensters.

„Das hast du nicht getan,“ Alastair stöhnte, fast nur flüsternd.

Hatte er? Hatte Callum das getan? Es schien so.

Seine Mutter lag noch immer auf dem Boden, jetzt auf einem Ellbogen aufgestützt. Ihre Augen huschten nicht herum. Sie waren in diesem Augenblick gefangen und weit aufgerissen auf Callum gerichtet. Er hatte das Kämpfen beendet.

Blutige Spucke blubberte zwischen den Lippen seines Vaters hervor, während er einen tonlosen hasserfüllten Fluch auf Callum spuckte. Eine Blutspur lief sein Kinn herunter und tropfte auf den Boden wo sie sich mit dem verschütteten Bier vermischte. Angst schlich sich in seinen hasserfüllten Blick, etwas das Callum niemals zuvor im Gesicht dieses Mannes gesehen hatte und über dessen Anwesenheit er jetzt froh war. Alastair Fisher fiel auf dem Boden in sich zusammen während die letzten Überbleibsel seines erbärmlichen Lebens seinen Körper verließen. Sogar im Tod blieben Hass und Horror in seine grausamen Zügen eingemeißelt.

Callums Mutter stöhnte. Es war ein trostloses, qualvolles Klagelied. Aber Callum war sich sicher, dass er auch einen Seufzer von lang erwarteter Befreiung hörte.

Genug war wirklich und wahrhaftig genug.

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